Diakonie

Referat von Dekan i. R. Klaus Scheffbuch, Kirchheim unter Teck

 

Herbsttagung am 17. November 2001

 

 

Diakonie erzeugt Widerstände

Diakonie ist kein idyllisches Geschäft, sondern ein Kampf. So habe ich es erlebt. Es ist ein Kampf gegen die Mächte des Todes bei den Betroffenen, die nach unten gezogen werden, deren Lebensperspektiven verbaut und zerstört werden. Es gibt aber auch einen Kampf mit anderen Menschen, die diakonische Arbeit behindern wollen. Diese unterstützen die Arbeit nicht, sondern behindern sie. Gleichzeitig ist Diakonie auch ein ständiger Kampf mit der Öffentlichen Hand. Deshalb rede ich gerne bei Ihnen, also bei den Kostenträgern, die manchmal Förderer, oft jedoch Behinderer diakonischer Arbeit sind.

 

Dass Glaube und Diakonie zusammengehören, ist auch bei Christen und in der Kirche nicht selbstverständlich:

Als der junge Vikar Gustav Werner im 19. Jahrhundert elternlos gewordene Kinder zu sich genommen und dann eine Behindertenarbeit, später eine alternative Industriearbeit aufgebaut hat, da hat ihn die württembergische Landeskirche im Pfarrdienst nicht mehr ertragen. Er musste aus dem Pfarrdienst ausscheiden.

 

Als Christoph Blumhardt an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Göppingen die Not der Arbeiterschaft wahrgenommen hat, auch das wirtschaftliche Elend der Arbeiterfamilien, sah er sich von seinem Glauben her berufen, für die Belange der Arbeiterschaft einzutreten. Er ist dafür politisch tätig geworden und musste daraufhin seinen Pfarrdienst quittieren; er durfte sich nicht mehr "Pfarrer" nennen.

 

Aber nicht nur in der Vergangenheit war der Zusammenhang zwischen Glaube und Diakonie in der Kirche und für Christen nicht selbstverständlich, auch in unserer Zeit. Als im Jahr 1984 vier Kirchenbezirke in einem Landkreis begonnen haben, die Arbeit für Wohnungslose zu beginnen mit einer Fachberatungsstelle, mit Notübernachtungen und mit Wohnungen, haben sie ein Schreiben des Evangelischen Oberkirchenrats bekommen, die Versorgung von Wohnungslosen sei keine kirchliche Aufgabe und es dürfe dafür keine Kirchensteuer eingesetzt werden.

 

Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert

Als im Jahr 1989 in der Landessynode verhandelt wurde, ob sich die Kirche an der flächendeckenden Einrichtung von Diakonie- und Sozialstationen zur Versorgung der Alten und Kranken beteiligt, hat sich der Landesbischof dagegen ausgesprochen. Die Kirche könne nur exemplarisch arbeiten, es sei nicht ihre Aufgabe, flächendeckend zu arbeiten. Dafür fehlten ihr die geistliche Kraft und die Mitarbeiter. Es ist erstaunlich, dass Jesus seine Jünger, die auch nicht qualifiziert waren, zu denen der Verleugner Petrus, der Verräter Judas und der Zweifler Thomas gehört haben, flächendeckend ausgesandt hat mit den Worten: „Geht hin in alle Städte und Dörfer und sagt: das Reich Gottes ist zu euch gekommen. Heilt die Kranken."

 

Der Zusammenhang zwischen Glaube und Diakonie ist nicht selbstverständlich unter Christen. Als ich Schüler einer Bibelschule gefragt habe, was denn wichtiger sei, Mission oder Diakonie, war die einhellige Meinung, dass natürlich Mission viel wichtiger sei. Sozialarbeit könne jeder machen, Mission dagegen nur die Christen.

 

Der vorhin schon erwähnte Gustav Werner in Reutlingen, ein Pionier der Diakonie, hat das bekannte Wort geprägt: "Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert." Das hat er auf den Glauben von uns Christen bezogen. Er meinte, ein Glaube an Christus, der nicht Hand und Fuß bekomme in diakonischem Handeln, im Hingehen zu denen, die am Ende sind, im Aufrichten, im Helfen - ein Glaube, der nicht zur diakonischen Tat werde, sei wertlos. Nach 1. Korinther 13 ist ein Glaube ohne Liebe nur wertloses Wortgeklingel.

 

Das Wort von Gustav Werner ist eine klare, aber sehr kritische und harte Anfrage an uns Christen. Das heißt, ein Christsein ohne diakonisches Handeln ist kein echtes Christsein. Eine Gemeinde, die die schönsten Gottesdienste feiert, tollste Gemeindeaufbauarbeit macht und missionarisch engagiert ist, jedoch nicht diakonisch wirkt, ist eine tote Gemeinde. Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert! Das ist eine harte Aussage, aber es ist eine evangelische Aussage, ein Wort, das dem Evangelium entspricht. Nach meinem Verständnis ist Diakonie Gestalt gewordenes, Fleisch gewordenes, sichtbar gewordenes Evangelium. Das Evangelium sagt: Du Mensch bist für Gott unendlich wichtig. Nicht nur die very important persons, für die es eine extra Lounge auf dem Flughafen gibt, nicht nur die Bekannten, Vornehmen und Einflussreichen, sondern jeder Mensch ist für Gott wichtig, in ganz besonderer Weise die Mühseligen und Beladenen, die Elenden, die am Ende sind. Davon erzählen alle Jesus-Geschichten.

 

Jesus und Diakonie

Als Jesus zum Passahfest nach Jerusalem kam, hat er keinen Antrittsbesuch beim Hohenpriester gemacht; er ist nicht in die Versammlungen der Schriftgelehrten gegangen. Er hat nicht den Bürgermeister und die reichen Leute, die man vielleicht als Sponsoren gewinnen könnte, in Jerusalem besucht. Er hat sich auch nicht erbaut an den festlichen Gottesdiensten im Tempel, sondern er ist an den Teich Bethesda gegangen, ins Armenspital, wo es nach Krankheit und Armut gestunken hat. Dort hat er den Menschen gesehen, der seit 38 Jahren keine Lebensperspektive hatte. Ihn hat er aufgerichtet, auf seine Füße gestellt und ihm eine neue Lebensperspektive gegeben. So erzählt es das Evangelium.

 

Jeder Mensch ist Gott wichtig, ganz besonders die, die im Elend sind. Er beugt sich herab aus der Höhe. Er umgibt uns. Er trägt uns mit unseren Lasten. Er richtet auf, die niedergeschlagen sind. Er gibt uns neue Kraft. Er öffnet uns neue Wege, zeigt uns neue Schritte, die wir gehen können. Er eröffnet uns einen großen Hoffnungshorizont und zeigt uns sein wunderbares Ziel. Das ist das Evangelium! Dieses Evangelium hat Gestalt gewonnen in der Person Jesu Christi.

Das älteste Evangelium in der Bibel ist das Markusevangelium. Der erste Satz darin heißt: "Dies ist das Evangelium von Jesus Christus, dem Sohn Gottes." Im ersten Kapitel wird dann erzählt, dass Jesus nach seiner Taufe gepredigt hat: "Das Reich Gottes ist zu euch gekommen!"

 

In der Person Jesu ist das Reich Gottes, die Kraft Gottes, sein Wirken, seine Gegenwart zu uns gekommen. Jesus hat das deutlich gemacht in der Predigt vom Reich Gottes in der Synagoge. Markus 1: "Er predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten!" Und das Reich Gottes ist sichtbar geworden im heilenden Handeln Jesu. "Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu Jesus alle Kranken und Besessenen, und die ganze Stadt versammelte sich vor der Tür, und er half vielen Kranken." Man kann sich richtig vorstellen, wie im Schutz der Dunkelheit die versteckte Not aus den Häusern kam und sich an Jesus gewandt hat, bei ihm Hilfe gesucht und Heilung gefunden hat. Diakonie ist kein "sozialer Tick" einiger Menschen, sondern Sichtbarwerden des gegenwärtigen Reiches Gottes.

 

Als Johannes der Täufer im Gefängnis lag, wusste er nicht, ob Jesus der erwartete Messias ist. Er sandte hin zu Jesus und ließ fragen: "Bist du es, auf den wir warten oder bist du es nicht?" Jesus sagt nicht: "Seht nur, die Massen laufen mir zu, Tausende kommen zum Glauben!", sondern er sagt in Matthäus 11: "Gehet hin und sagt Johannes: Die Blinden sehen, die Tauben hören, die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein und den Armen wird das Evangelium gepredigt!"

 

"Ich bin unter euch wie ein Diener"

Im diakonischen Handeln geschieht die Gegenwart des Reiches Gottes. Das ganze Leben und Wirken Jesu ist diakonisches Handeln: "Ich bin unter euch wie ein Diener", wie ein Diakon. "Der Menschensohn ist nicht gekommen, sich dienen zu lassen, sondern zu dienen!" - diakonisch tätig zu sein "und sein Leben zu geben für viele!" Das heißt, das ganze Leben Jesu, sein heilendes Handeln, sein Leben, sein Sterben, sein Auferstehen ist die Diakonie Gottes an uns Menschen.

 

Aber damit ist es nicht zu Ende. Schon im ersten Kapitel des Markusevangeliums wird erzählt, dass Jesus Jünger berufen hat, unvollkommene Menschen, die er mit hineingenommen hat in sein großes Heilswerk und Diakoniewerk. Er hat sie alle so, wie sie waren, beauftragt: "Gehet hin in alle Städte und Dörfer. Sprecht: das Reich Gottes ist jetzt da, heilet die Kranken, macht Aussätzige rein, weckt Tote auf!"

 

An anderer Stelle wird deutlich, wie Jesus diesen Auftrag, den er selbst gelebt hat, auch uns weitergibt: "Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr tut, wie ich euch getan habe!" Deshalb sagt der Apostel Paulus: "Einer trage des anderen Last, dann werdet ihr in der Spur Jesu wirken!" Martin Luther übersetzt: "... so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen!". So werdet ihr sein Lebensgesetz weitertragen. Immer dort, wo der Glaube lebendig war, sind Christen diakonisch tätig geworden. Das Evangelium, von dem die Christen gelebt haben, haben sie andern mitgeteilt und weitergegeben im Wort und in der aufrichtenden, heilenden Tat.

 

Diakonie in der Urgemeinde

In Apostelgeschichte 6 lesen wir, wie die Urgemeinde in Jerusalem das Amt der Diakone schuf. Nach dem Amt der Apostel war das der Diakone das erste Amt in der Christenheit. Die Diakone sorgten dafür, dass niemand in der Gemeinde übersehen wurde und hungern musste. Auch in der frühen Christenheit war es in den Klöstern und in den Gemeinden selbstverständlich, dass Arme versorgt wurden. Im ganzen Mittelalter haben Hungernde an der Klostertüre immer etwas zu essen bekommen. Kein Hungernder wurde abgewiesen.

 

Die Städte im Mittelalter haben mit geistlichen Stiftungen Spitäler eingerichtet, so etwas Ähnliches wie heute die Sozialstationen. Diese zentralen sozialen Einrichtungen lagen mitten in der Stadt. Wo heute in Esslingen der Marktplatz ist, war im Mittelalter das Katharinen-Spital, umgeben von den drei großen Kirchen und vom Rathaus. Mitten in der Stadt, nicht auf der grünen Wiese oder im Industriegebiet, hat man die Armen und Notleidenden aufgenommen. In der Stiftungsurkunde kann man lesen, für wen das Spital da ist: für die Kranken und Alten, für die psychisch Kranken und für die Waisenkinder, für die Wohnungslosen usw. Am Ende heißt es: "... kurzum für alle, die in Not sind". Das ist Ausdruck einer christlichen Gemeinde, dass sie die Notleidenden in die Mitte nimmt.

 

Vielleicht haben Sie in der Stadt Beaune in Frankreich das berühmte Hotel-Dieu, das "Haus Gottes" gesehen, dieses mittelalterliche Krankenhaus, in dem die Kranken aus kostbarem Geschirr gegessen haben und in kostbarer Wäsche im Krankenbett lagen. Man wusste damals im angeblich finsteren Mittelalter, dass es Ausdruck des Glaubens ist, den Kranken und Armen Gutes zu tun.

 

Als Johann Hinrich Wichern im Jahr 1848 die Innere Mission gegründet hat, sagte er in Wittenberg: "Der Glaube gehört mir genauso wie die Liebe!", also wie die diakonische Tat.

Als im 17. und 18. Jahrhundert aus den Erweckungsbewegungen und aus dem Pietismus heraus die Missionare in alle Welt gegangen sind, war es für sie selbstverständlich, dass sie nicht nur das Evangelium predigen können, sondern dass sie sich auch um die Aussätzigen kümmern, dass sie Schulen und Krankenhäuser einrichten müssen, weil Wort und Tat zusammen gehören.

 

Diakonie heute

In Russland und in Weißrussland gibt es im Augenblick einen Aufbruch des Glaubens in der Orthodoxen Kirche. Dieser Glaube findet darin seinen Ausdruck, dass die Orthodoxe Kirche zum ersten Mal in ihrer tausendjährigen Geschichte diakonische Einrichtungen aufbaut. So ist es immer, wenn der Glaube lebendig und echt ist. Dann wird er missionarisch und diakonisch.

Johann Sebastian Bach hat eine Kantate geschaffen mit dem schönen Eingangschor: "Herz und Mund und Tat und Leben soll von Christus Zeugnis geben ohne Furcht und Heuchelei, dass er Gott und Heiland sei!" Dieses Programm von Johann Sebastian Bach hat die Evangelische Kirche in Deutschland vor drei Jahren als Überschrift über ihre Denkschrift zu den sozialen Herausforderungen in unserer Zeit gestellt.

 

Jesus - der barmherzige Samariter

Was ist nun das Wesen des diakonischen Handelns, des Handelns, das nicht nur Sozialarbeit ist, sondern das aus dem Glauben erwächst? Es ist Jesus selbst, dem wir nachfolgen und in dessen Geist wir leben und handeln wollen. Wie Jesus gehandelt hat, das hat er selbst geschildert im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dieses Gleichnis ist ein Jesus-Gleichnis, kein moralischer Appell. Mit dem barmherzigen Samariter schildert er sich selbst, sein Wirken in dieser Welt. Er ist der Außenseiter, der sich um Menschen kümmert, er selbst ist der barmherzige Samariter. Aber am Ende des Gleichnisses sagt Jesus dem Schriftgelehrten: "Und jetzt gehe hin und tue desgleichen." So wie er gehandelt hat, so sollen jetzt wir in seiner Spur und in seinem Geist handeln.

 

Wahrnehmen der Menschen in Not

Wie hat der barmherzige Samariter gehandelt? Das Entscheidende in der Diakonie ist zuerst das Wahrnehmen der Menschen in Not vor unseren Füssen. Die Bibel ist sehr kritisch gegenüber frommen Leuten, und kritischer als es Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter geschildert hat, kann man es kaum sagen: dass ein Priester den Menschen, der ihm vor den Füßen liegt, nicht wahrnimmt, sondern einen Bogen um ihn herummacht, um schnell in den Tempel zu kommen, um seinen Gottesdienst zu feiern, um die Bedürfnisse der Gläubigen zu befriedigen, um das zu tun, wofür er bezahlt wird. Und dabei übersieht er das nahe Liegende, die Not, die jetzt am wichtigsten ist.

 

Und dann ist da der Levit, der kirchliche Mitarbeiter, der vielleicht sogar über den, der da am Boden liegt, hinübersteigt, so wie wenn man manchmal über Wohnungslose steigt, die auf dem Gehweg liegen, denn auch er muss nach Jerusalem zum Tempel; auch er sieht nicht, was jetzt am wichtigsten ist.

Und dann kommt Jesus, der barmherzige Samariter und alle, die in seinem Geist diakonisch handeln. Sie nehmen wahr, wer vor ihren Füßen liegt. Ähnlich sagt das Jesus im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus. Da liegt einer vor der Tür, für den sich der reiche Mann eigentlich sein Leben lang nicht interessiert, obwohl er ihn jeden Tag sieben oder acht Mal sieht. Das Wahrnehmen der Menschen, die in Not sind, ist der Ausgangspunkt allen diakonischen Handelns. Ich denke beim diakonischen Handeln ist es, ähnlich wie auch beim missionarischen Handeln, wichtig, dass wir wahrnehmen, wer unser Gegenüber ist und wo wir einen Zugang zu ihm finden.

 

Offene Türen sehen

Ich wundere mich immer wieder, mit welchem Aufwand man oft unter Christen evangelistische Aktionen betreibt, wo man gleichsam mit Presslufthammer und Sprengstoffladungen versucht, eine Betonwand aufzubrechen. Und vor lauter Eifer ist man blind dafür, dass zwei Meter weiter eine Tür sperrangelweit offen steht. Wir sind mit unseren missionarischen Bemühungen oft so beschäftigt, dass wir die Menschen nicht sehen, die auf uns warten, die uns brauchen, die uns suchen. Unsere Kirche macht alle möglichen Programme in der Öffentlichkeitsarbeit, baut aber gleichzeitig im Bereich der Krankenhausseelsorge Stellen ab, dort wo Menschen darauf warten, dass jemand mit ihnen über die Grundfragen des Lebens redet.

 

Es geht um das Wahrnehmen der Menschen in ihrer Situation und um das Wahrnehmen offener Türen. Für mich ist der Diakon Philippus ein Vorbild des Wahrnehmens. Er hat den Kämmerer aus dem Mohrenland wahrgenommen mit allem, was sein Leben, sein Lebensschicksal, seine Probleme ausmacht; und wie sensibel ist er auf ihn zugegangen! Alles diakonische Handeln ist zunächst Wahrnehmen der Notleidenden.

 

Not wahrnehmen - stehen bleiben - sich hinunterbeugen - und dann?

Stehen bleiben bei der Not, die Not aushalten, das ist gar nicht so einfach. Lieber schieben wir sie weg oder decken sie zu oder vertreiben sie. Wir müssen genau hinsehen, was die Menschen in der Not bewegt, dürfen sie nicht allein lassen, müssen zu ihnen stehen und deutlich machen: "Du bist jetzt das Wichtigste für mich und für uns. Ich habe Zeit, ich nehme mir Zeit für dich."

 

Wahrnehmen, stehen bleiben und sich dann herunterbeugen auf die Ebene des Notleidenden. Hilfe, die von oben herab geleistet wird, kann man gleich bleiben lassen. Sie verletzt die Würde eines Menschen, sie demütigt ihn. Richtige Hilfe kann nur partnerschaftlich geschehen, in Augenhöhe. Ich denke, deshalb hat sich Jesus auch heruntergebeugt, als man die Ehebrecherin vor ihn hingeworfen hat. Er wollte nicht von oben herab über sie reden. Er wollte mit ihr reden auf Augenhöhe. Unsere Sozialarbeiter, die sich um die Bettler in den Fußgängerzonen kümmern, setzen sich neben die Bettler hin, in Augenhöhe. Friedrich von Bodelschwingh hat gesagt, dass wir, die Helfenden, genau so viel Gewinn von der Begegnung mit den Notleidenden und Behinderten hätten, wie die Behinderten von uns. Nur in dieser partnerschaftlichen Haltung kann man diakonisch richtig handeln und helfen.

 

Erste Hilfe in der Not

Als nächstes kommt die erste Hilfe in der Not, das Verbinden, das Trösten, bei Wohnungslosen die Hilfe, etwas zu Essen und zu Trinken zu bekommen, den Tagessatz der Sozialhilfe und einen Schlafsack zu bekommen, ein Dach über dem Kopf. Aber dabei bleibt der barmherzige Samariter, der wahre Diakon, nicht stehen.

 

Hilfe aus der Not

Nach der ersten Hilfe in der Not kommt die Hilfe aus der Not. Alle Heilungsgeschichten Jesu berichten davon, dass er Menschen aus der Not herausgeholfen, dass er sie aufgerichtet hat. Er hat dem Menschen am Teich Bethesda nicht gesagt: "So jetzt war es schön, dass wir uns kennen gelernt haben. Ich komme jeden Tag vorbei und bringe dir ein Vesper." Oft ist Sozialarbeit demütigend hoffnungslos, weil es Menschen keine Chance bietet, aus ihrer Situation herauszukommen, während wahre Hilfe immer Menschen aus der Not herausführt. "Willst du gesund werden? Stehe auf, nimm dein Bett und gehe!"

 

In allen Bereichen des diakonischen Handelns ist Diakonie, wenn sie richtig praktiziert wird, aufrichtendes Handeln, von der Schwangerschaftskonfliktberatung bis zur Geriatrie.

 

Andere einbeziehen

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt interessanterweise, dass der Samariter auch andere einbezieht, seine Hilfe geschieht nicht im Alleingang. Er schaltet ein professionelles Hilfesystem mit ein, indem er den Verletzten bei einem Wirt abgibt, damit der ihn versorgt. Der Wirt hat die Voraussetzungen dafür und die Erfahrung.

 

Als ich Pfarrer in Göppingen war, habe ich immer mal wieder versucht, einem Menschen von der Straße zu helfen, habe dabei viel Zeit, Kraft und Geld investiert, doch es ist immer schief gegangen, weil man als Einzelner das nicht leisten kann. Man braucht ein Hilfesystem mit Fachleuten und den nötigen Einrichtungen. Wir sollten nicht als Einzelgänger karitativ tätig sein, sondern uns in eine Gruppe kurativ, heilend, aufrichtend einbringen.

 

Hilfe finanzieller Art

Auch Geld ist nötig. Der barmherzige Samariter gibt dem Wirt Geld und sagt: "Wenn es mehr kostet, zahle ich es, wenn ich das nächste Mal vorbeikomme." Auch Diakonie geht nicht ohne Geld, das kann man nicht nur mit Idealismus machen. Man muss die Hilfesysteme und Hilfseinrichtungen angemessen finanzieren.

 

Loslassen

Und dann lässt der barmherzige Samariter, der diakonisch handelnde Christ, den Hilfe Suchenden auch wieder los, wenn er auf den eigenen Füßen steht. Der barmherzige Samariter hat nicht lebenslang gesagt: "Du bist mein geistlicher Sohn. Vergiss nicht, ich habe dir das Leben gerettet. Schreib mir regelmäßig zum Geburtstag. Ich will wissen, wie es bei dir weiter geht." Zum diakonischen Handeln gehört, Menschen auch wieder loszulassen, wenn sie auf die Füße gekommen sind.

 

Gibt es heute noch Arme?

In unseren Gemeinden gibt es viele klassische, bewährte Arbeitsgebiete diakonischen Handelns, in der Nachbarschaftshilfe, in der Armenfürsorge, obwohl ich den Eindruck habe, dass unsere Gemeinden oft diakonisch blind sind, dass sie blind sind für die Armen in unserer Mitte. Ich habe als Beispiel eine Gemeinde vor Augen, in der ich immer wieder nachgefragt habe: "Was macht ihr für die Armen?" Die Antwort hieß: "In unserer Gemeinde gibt es keine Armen." Als man dann eine Diakoninnenstelle eingerichtet und eine Diakonin angestellt hat, gab es plötzlich Arme. Sie hat die Armen, im Gegensatz zu den Pfarrern, gesehen.

 

Kindergartenarbeit ist eine wichtige diakonische Arbeit, ebenso die Stadtranderholung für Kinder, die häusliche Krankenpflege, die Jugendhilfe und auch die Suchtberatung, die in vielen diakonischen Einrichtungen seit langer Zeit besteht.

 

Schwangerschaftskonfliktberatung

In den letzten Jahrzehnten ist die Schwangerschaftskonfliktberatung dazugekommen, eine mich immer wieder neu bewegende, wichtige Arbeit. Seit ich über diese Beratung mehr wahrnehme von der Situation von Frauen, Paaren, Familien mit ihren Schwangerschaftskonflikten, habe ich nie mehr von der Kanzel herunter etwas zum Thema Abtreibung gesagt, habe nie mehr forsch gesagt, Abtreibung ist Mord, sondern habe über Abtreibung nur noch seelsorgerlich geredet mit Einzelnen.

 

In der Schwangerschaftskonfliktberatung geschieht, dass Menschen in ihrer ausweglosen Situation angenommen werden. Es ist wichtig, dass man mit ihnen zusammen ihre Situation betrachtet, dass man das Problem umschreitet, dass man überlegt, was gegen eine Abtreibung spricht und wo eine Lebensperspektive sein könnte. Gemeinsam gilt es, eine Lebensperspektive zu entwickeln, sie anzunehmen und dann bei der Umsetzung zu helfen. Es gibt kaum einen anderen Bereich, in dem so zentrale geistliche Fragen verhandelt werden. Bei der Schwangerschaftskonfliktberatung geht es um Tod und Leben, um Verzweiflung oder Hoffnung, um Schuld und Vergebung.

 

Vielfältige Aufgaben in der Diakonie

Neu entstanden sind die psychologischen Beratungsstellen, die Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen, die Schuldnerberatung, die Sprachhilfearbeit für ausländische Kinder, die Eingliederung von Spätaussiedlern, die Begleitung von Asylbewerbern, die Hilfe bei der Eingliederung von Immigranten, z. B. von jüdischen Immigranten aus Russland, die Hospizarbeit, die Arbeit mit Alleinerziehenden, die Vesperkirche, die Tafelläden, die Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen. Diese Liste ist nicht vollständig.

 

Wenn man sich bewusst macht, wo überall diakonische Aufgaben sein könnten, dann fragen wir, wo man da anfangen und wo aufhören soll. Die Antwort haben wir eigentlich vorher schon gehört, es geht nicht darum, dass wir alles tun, sondern dass jeder erkennt, was vor seinen Füßen liegt. Roger Schutz, der Prior von Taizé, sagte einmal zu jungen Leuten: "Wenn ihr an einer Stelle in eurem Leben den Willen Gottes begreift, dann tut ihn mit ganzer Kraft, mit letzter Konsequenz. Dann werdet ihr an dieser Stelle die Gegenwart Gottes erfahren, seine Macht und seine Größe. Und dann werden sich von da aus weitere Schritte ergeben."

 

Das Gideons-Prinzip

Ich muss erkennen, dass mein Nächster der ist, der vor meinen Füßen liegt. Wenn ich ihm dann helfen will, darf ich nicht warten, bis alle in der Gemeinde dafür sind.

 

Der biblische, der geistliche Weg ist das Gideons-Prinzip. So wie es von Gideon in der Bibel beschrieben ist, der eine kleine Zahl von gleich gesinnten, einsatzbereiten Mitkämpfern gesucht hat und dann losgezogen ist und den Kampf begonnen hat. Gott hat Großes durch ihn gewirkt. Der große Haufe ist dann nachher nachgekommen und hat gesagt: "Ja, das ist gut, da machen wir auch mit."

 

Genau so habe ich es in allen diakonischen Initiativen erlebt. Wenn nur drei oder vier Leute da sind, die sagen: "Das ist nötig, das machen wir miteinander.", dann kommt etwas in Bewegung im Namen Gottes, aus seinem Geist, in seiner Kraft. Der erste Schritt ist meistens der schwierigste. Wenn ich bei meinem ersten Versuch, etwas für die Menschen auf der Straße zu tun, gewusst hätte, was alles hinterherkommt, hätte ich es wahrscheinlich nie angefangen. Deshalb ist es gut, dass wir am Anfang nicht alles übersehen, sondern einfach einmal im Glauben den ersten Schritt tun und damit rechnen, dass sich das Weitere ergibt.

 

Widerstände

Beim diakonischen Handeln erfahren wir viele Widerstände. Als der CVJM Esslingen in der Pliensau-Vorstadt eine offene Jugendarbeit begonnen hat für junge Leute, die er vorher nicht erreicht hat, für Auszubildende, für ausländische Jugendliche, für arbeitslose Jugendliche da hat sich dort sofort eine Bürgerinitiative gebildet, die erklärt hat: "Wir haben ja nichts gegen offene Jugendarbeit, aber nicht bei uns, nicht vor unserer Haustür!" Auch gab es Jugendliche, die die Arbeit zu verhindern versuchten mit Gewalt. Das ist natürlich, wenn wir im Geist Jesu unterwegs sind! "Fürchtet euch nicht vor ihnen", hat Jesus seinen Jüngern gesagt. Wir müssen in großer Konsequenz und Gelassenheit unseren Weg gehen und versuchen, andere dafür zu gewinnen.

 

Als wir zusammen mit dem Landkreis auf Bitten von Eltern drogenabhängiger Jugendlicher eine Jugend- und Drogenberatung gegründet haben, mitten in der Stadt, in der Nähe des Bahnhofs und unmittelbar neben einem Gymnasium, umgeben aber von lauter diakonischen Einrichtungen, haben Lehrer und Eltern dieser Schule dagegen protestier. Wir wurden beschuldigt, wir würden ihre Kinder zu Drogen verführen, sie haben uns vorgeladen in eine wütende Versammlung in der Turnhalle der Schule und haben uns attackiert. Sie haben uns erklärt, eine solche Einrichtung gehöre auf die grüne Wiese oder ins Industriegebiet, aber nicht mitten in die Stadt. Inzwischen ist diese Einrichtung anerkannt und von den Lehrern und Eltern der Schule sehr geschätzt.

 

Als wir Wohnungen für Wohnungslose gebaut haben, hat sich in dem betreffenden Wohngebiet eine wütende Bürgerinitiative gegründet. Als eine Container-Siedlung für Wohnungslose auf der Neckarinsel aufgebaut wurde, hat der Bundestagsabgeordnete öffentlich die Stadt attackiert, dass sie so etwas zulässt. Dies sei doch nicht im Bebauungsplan vorgesehen. Als wir die Arbeit mit psychisch Kranken in Plochingen begonnen haben, wollten viele eine solche Einrichtung nicht in ihrer schönen, sauberen Stadt haben.

 

Immer wieder haben wir aber das Wunder erlebt, dass dann, wenn eine solche Arbeit durchgesetzt und begonnen wurde, sich die Menschen in ihrem Denken verändert haben. Die öffentliche Einstellung zu psychisch Kranken, zu Wohnungslosen oder zu Behinderten hat sich geändert. Geschäftsleute, die zuerst die Wohnungslosen aus der Stadt weg haben wollten, haben für sie gespendet oder den Krankenwagen gerufen, wenn jemand hilflos vor ihrer Tür lag.

 

Wunder Gottes

Zwar ist die Diakonie Kampf - Kampf aus dem Geist Jesu heraus gegen die Mächte der Hoffnungslosigkeit und des Todes. Aber man kann auch mehr als irgendwo sonst in unserem Leben Wunder erleben im diakonischen Handeln. Ich habe nirgends sonst in meinem Leben so sehr die Macht Gottes erlebt, seine Nähe, sein Wirken, wie in den verschiedensten diakonischen Initiativen: dass Türen aufgehen, dass Menschen aufstehen, dass Ausgegrenzte in die Mitte genommen werden, dass Hoffnungslose eine neue Zukunft bekommen.

 

Jesus sagt: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch das Übrige alles zufallen. Das bedeutet, dass wir bekommen, was wir für unseren Dienst brauchen.

 

Wir hatten kaum begonnen mit dem Versuch, etwas für die Menschen auf der Straße zu tun, als mich eine mir unbekannte Frau auf dem Marktplatz ansprach: "Ich habe gehört, sie machen etwas für die ganz Armen. Ich habe da drei Baumwiesen geerbt, die möchte ich für diese Arbeit spenden." In einer Zeit, in der andere um jeden Quadratmeter prozessieren, hat sie ihr Erbe weggeschenkt.

 

Als wir einen sozialpsychiatrischen Dienst und andere Angebote für psychisch Kranke in Plochingen einrichten sollten und wollten, gab es große Widerstände in der Bezirkssynode, dem entscheidenden kirchlichen Gremium. Es wurde gesagt, man brauche ja auch nicht alles machen, und man müsse auch einmal wissen, wo man aufhören kann mit diesen diakonischen Dingen. Als ich dann von dem Anruf eines Plochinger Notars am vorherigen Tag berichtete, dass ein altes Ehepaar seine Villa samt Inventar dem Kirchenbezirk vermacht habe für Menschen in Not in Plochingen, da konnte selbst die Bezirkssynode nicht mehr dagegen sein, diese Aufgabe zu übernehmen.

 

Als wir ein Wohnheim für Menschen von der Straße suchten, war es sehr schwierig, einen geeigneten Standort zu finden, denn man kann ein solches Projekt nicht einfach irgendwo in ein Wohngebiet setzen, aber auch nicht ins Abseits. Ich habe dann einmal erwähnt, ich könne mir eigentlich nur ein Gebäude in Esslingen vorstellen, das Gebäude Schlachthausstraße 2 in meiner eigenen Gemeinde in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. Aber das Haus stehe ja nicht zum Verkauf und ich wisse auch nicht, wem es gehöre. Vierzehn Tage später rief eine Maklerin an und sagte: "Die Kirche hat doch immer Geld. Ich habe da ein Haus, für das sich niemand interessiert. Wollen Sie das nicht? Schlachthausstraße 2!" - Dies sind Wunder, die einen auch sprachlos machen!

 

Das Reich Gottes ist "jetzt" da, nicht nur früher bei den großen Erweckungen, auch nicht erst am Ziel unseres Weges im Himmel. Heute! Jetzt! So wie es Jesus im Vaterunser sagt: "Dein Name werde geheiligt", heute bei uns! "Dein Wille geschehe", heute bei uns! Nicht nur im Himmel. Heute und hier auf Erden! Dein Reich komme jetzt auch zu uns!

 

Zuschüsse der öffentlichen Hand

Jetzt komme ich noch zur öffentlichen Hand: Alle diese diakonischen Arbeitsbereiche sind nur möglich in enger Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand. Viele Christen haben die Sorge, dass die Finanzierung, die überwiegende Finanzierung für ihre Dienste durch die öffentliche Hand zu einer Abhängigkeit der Diakonie vom Staat führe. Ich sehe das nicht so! In allen Fragen der Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand habe ich diese Zusammenarbeit immer als hilfreich und bereichernd und partnerschaftlich erlebt.

 

Die öffentliche Hand und die christlichen Gemeinden sind an dieselben Menschen gewiesen. Und wir haben eine ähnliche Aufgabe für sie. Artikel 1 des Grundgesetzes heißt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Die Menschenwürde zu schützen bedeutet auch, dass es oberste Verpflichtung aller staatlichen Gewalt ist, die Lebensmöglichkeiten der Menschen abzusichern.

 

Die Bundesrepublik Deutschland hat diese Verpflichtung in fast einmaliger Weise aufgenommen im Bundessozialhilfegesetz. Es gibt weltweit wahrscheinlich kein anderes Land, in dem es so ein vorbildliches soziales Gesetz gibt wie unser Bundessozialhilfegesetz, das vom Ansatz her nicht nur versorgt, sondern resozialisieren will, Menschen wieder in die Eigenverantwortlichkeit zurückführen will.

 

Das Prinzip der Zusammenarbeit zwischen Kirche und öffentlicher Hand, zwischen Diakonie und öffentlicher Hand ist das Subsidiaritätsprinzip. Die öffentliche Hand greift Anliegen auf, bietet diese Aufgaben den freien Trägern an und gewährleistet finanzielle Unterstützung. Diese Subsidiarität kann nur funktionieren, wenn sie partnerschaftlich praktiziert wird in gegenseitiger Achtung, im gegenseitigen Verständnis für die Möglichkeiten und Schwierigkeiten der anderen Seite und in intensiver vertrauensvoller Zusammenarbeit. Die Diakonie kann nicht einfach Ansprüche an die öffentliche Hand stellen nach dem Motto, "das brauchen wir heute!", sondern sie muss mit der öffentlichen Hand zusammen Konzeptionen entwickeln und Finanzierungsmöglichkeiten erarbeiten.

 

Diese Zusammenarbeit kann aber auch nur gut gehen, wenn die öffentliche Hand ein verlässlicher Finanzierungspartner ist und ihre finanziellen Zuschüsse nicht nach Gutsherrenart verteilt, als ob die Verantwortlichen für diakonische Arbeit nur Bittsteller wären, die für sich etwas wollten!

 

Was menschenwürdig ist, ist auch wirtschaftlich sinnvoll.

Gemeinsam sind wir verantwortlich für Menschen in Not. In dieser partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Diakonie und öffentlicher Hand hatten der Landkreis Esslingen und die Diakonie im Landkreis gemeinsam ein interessantes Aha-Erlebnis: Was menschenwürdig ist, ist auch wirtschaftlich sinnvoll. Was menschenunwürdig ist, ist zu teuer und unbezahlbar auf Dauer.

 

Viele Angebote der offenen Jugendarbeit zum Beispiel hat der Landkreis Esslingen zusammen mit freien Trägern aufgebaut. Im Kreistag gab es immer wieder Stimmen: "Das wird zu teuer. Andere Landkreise machen das auch nicht, die jungen Leute müssen sich halt am Riemen reißen. Stellt mehr Polizei ein." Dann fand vor drei Jahren eine Kriminalitäts-Konferenz im Landratsamt statt, einberufen vom Innenminister, bei der es um die Kriminalität Jugendlicher ging. Dabei wurde mit Erstaunen festgestellt, dass der Landkreis Esslingen unter vergleichbaren Landkreisen die geringste Jugendkriminalität hat. Ein Kreistagsabgeordneter stand auf und sagte: "Jetzt endlich haben wir einmal einen Beweis dafür, dass die Investition in prophylaktische Arbeit auch wirtschaftlich sinnvoll ist und sich am Ende rechnet." Und der Polizeidirektor des Landes Baden-Württemberg bekräftigte: "Soziale Probleme kann man nicht mit der Polizei lösen, sondern mit Sozialarbeit." Das weiß die Polizei, aber die Öffentlichkeit oft nicht.

 

Was menschenwürdig ist, ist auch wirtschaftlich sinnvoll. Wenn wir in unserer Wohnungslosenarbeit einen Menschen von der Straße weg oder aus einer Billigpension herausgeholt haben und ihn unter Betreuung in eine eigene Wohnung gebracht haben, haben wir dem Landkreis Esslingen achttausend Euro gespart. Und der bisher Wohnungslose konnte wieder menschenwürdig leben, konnte wieder Beziehungen aufbauen und von dort aus eine Arbeit suchen. Was menschwürdig ist, ist auch volkswirtschaftlich sinnvoll.

 

Alle Landkreise haben sich in den letzten Jahren sehr bemüht, Langzeitarbeitslose wieder in Arbeit zu bringen. Verschiedene freie Organisationen haben diese Aufgaben übernommen. Und dadurch sind in Baden-Württemberg die Sozialhilfeleistungen um fünfzehn Prozent gesunken. Menschen sind wieder in selbstständige Arbeit gekommen und die öffentliche Hand hat Geld gespart. Was menschenwürdig ist, ist auch volkswirtschaftlich sinnvoll!

 

Diakonie - Mahnerin gegenüber dem Staat

Zu den Aufgaben der Diakonie gehört auch, die öffentliche Hand immer wieder an die Belange der Schwachen in unserer Gesellschaft zu erinnern, die sich dafür nicht selbst einsetzen und dafür nicht selbst kämpfen können. Deshalb, denke ich, ist die Sozialberatung für die Ärmsten in unserer Gesellschaft eine ganz wichtige Aufgabe der Diakonie. Die Sozialämter bekommen immer Druck von den Kostenträgern, vom Kreistag: "Gebt nicht so viel Geld aus!" Und dann versuchen sie, den Sozialhilfeempfängern nicht alles zu geben, worauf diese gesetzlichen Anspruch haben. Wenn aber Sozialhilfeempfänger zu einer diakonischen Bezirksstelle kommen, werden sie beraten. Sie erfahren, was ihnen gesetzlich zusteht. Dann wird mit dem Sozialamt darüber verhandelt, welche Leistungen dem Hilfebedürftigen gesetzlich zustehen.

 

Damit bin ich bei einem ganz schwierigen Punkt, nämlich dem, dass nach meiner Erfahrung der Staat seine eigenen Gesetze im Sozialbereich nicht einhält, wenn die Sozialämter den Menschen in Not das verweigern, was ihnen gesetzlich zusteht. Nach dem Bundessozialhilfegesetz steht Menschen auf der Straße nicht nur zu, dass sie in Barleistung den Sozialhilfesatz bekommen, täglich oder im Dreitage-Rhythmus, sondern dass sie auch Hilfen zur Wiedereingliederung bekommen. Aber fast alle Landkreise haben jahrzehntelang den Menschen auf der Straße die Sozialhilfe nur drei Tage gewährt, oft nur in Einkaufsgutscheinen. Dann hieß es: "Jetzt zieht weiter, bei uns ist Schluss."

 

Wir haben für einen Nichtsesshaften einen Prozess gegen den Landkreis Schwäbisch-Hall geführt und vor dem Verwaltungsgericht mit Glanz und Gloria für den Wohnungslosen gewonnen. Aber das Urteil erging erst nach einem halben Jahr, und wenn der Wohnungslose auf dieses Urteil hätte warten müssen ohne die Hilfe der Diakonie, dann wäre er inzwischen verhungert. Es ist empörend für mich, dass der Staat selber seine Gesetze nicht einhält, aber von allen Bürgern erwartet, dass sie die Gesetze einhalten.

 

Ebenso skandalös empfinde ich es, wenn die öffentliche Hand freie Träger bittet, Aufgaben zu übernehmen und dann nach wenigen Jahren, wenn die Arbeit aufgebaut ist und Mitarbeiter angestellt sind, die Finanzierung reduziert. Im Augenblick werden Zuschüsse sogar halbiert, durch den Übergang von Zuständigkeiten von den Landkreisen zum Landeswohlfahrtsverband, z. B. bei psychisch Kranken und bei Wohnungslosen.

 

Was ist das für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, wenn man jemand bittet: "Baut ein Hilfesystem für psychisch Kranke auf! Baut ein Hilfesystem für Wohnungslose auf!" Aber nach einigen Jahren steht der diakonische Träger, der diese Arbeit aufgebaut hat, am Rande des finanziellen Ruins, weil die Zuschüsse sich halbiert haben. Ich halte es für einen Skandal, wenn die öffentliche Hand diakonische Arbeit, die sie eigentlich selber machen müsste, so in Frage stellt.

 

Ein anderes Beispiel: Die Kirchengemeinde Wernau bot an, auf ihrem Flachdach-Kindergarten vier Wohnungen für Menschen von der Straße zu bauen. Der Bürgermeister erklärte: "Dieses Baugesuch unterschreibe ich nicht, die Menschen kommen mir nicht in meine Stadt." Als wir ihn dann schließlich nach vielen Besuchen und Gesprächen überzeugt hatten, lehnte der Gemeinderat ab: "Wir wollen diese Menschen in Wernau nicht!" Als wir den Gemeinderat überzeugt hatten, sagte der CDU-Fraktionsvorsitzende: "Unsere Fraktion stimmt nur zu, wenn alle Nachbarn unterschreiben, dass sie nichts dagegen haben." Ich fragte nach: "Bei welchem Baugesuch gibt es das sonst?" Ich könnte Ihnen manche Gemeinde im mittleren Neckarraum aufzählen, mit denen wir ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Die bürgerlichen Gemeinden haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass niemand auf der Straße schlafen muss. Aber es gibt viele Beispiele dafür, dass sie nicht helfen, sondern diejenigen behindern, die diese Aufgabe wahrnehmen!

 

Auch halte ich es für einen Skandal, wenn Sprachhilfe für Ausländerkinder aufgebaut wird nach dem Denkendorfer Modell - eines der besten Modelle, um ausländische Kinder in der deutschen Sprache zu beheimaten und damit ihre Integration zu ermöglichen, ihre beruflichen und schulischen Möglichkeiten zu verbessern - und die Vorsitzende dieser Arbeitshilfe mit der Verdienstnadel des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet wird, aber gleichzeitig die Zuschüsse für diese Arbeit vom Land Baden-Württemberg fast gänzlich gestrichen werden. Dies sind Erfahrungen aus der Diakonie!

 

Es gibt jedoch beide Erfahrungen: Es gibt Landräte, Beamte, Minister, Bürgermeister, Gemeinderäte, Kreisräte, Landtagsabgeordnete, die diakonische Aufgaben wahrnehmen, mit anpacken und fördern. Und es gibt andere, die genau das Gegenteil machen. Ich denke, es liegt an den Personen, und deshalb ist es so wichtig, dass die Christen im öffentlichen Dienst ihre diakonische Verantwortung wahrnehmen und umsetzen.

Zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit der Diakonie mit der öffentlichen Hand gehört auch, dass wir uns einbringen in Aufgabenstellungen der öffentlichen Hand, dass wir die Mühe auf uns nehmen, in vielen Sozialgremien der öffentlichen Hand mitzuarbeiten, in der Gemeinde, im Landkreis, im Land und im Bund, dass wir als Christen sehr aufmerksam die Gesetzesreformen beobachten und unsere Stimme erheben, wenn sich bei Gesetzes- und Verordnungsplanungen falsche Entwicklungen ergeben, die diakonische Arbeit behindern oder die die Lebensrechte und die Menschenwürde von Armen einschränken.

 

Zum Schluss möchte ich noch eine andere Zusammenarbeit ansprechen. Für die Diakonie wichtig ist aus meiner Sicht die Zusammenarbeit mit allen anderen karitativen und sozialen Institutionen und Initiativen, unabhängig von dem Dachverband, zu dem sie gehören. Auch unabhängig von den weltanschaulichen Hintergründen, die eine solche Initiative prägen. Es gibt leider in der Diakonie viel Platzhirschdenken: "Hier sind wir für die Jugendhilfe zuständig, hier dürfen andere Träger nichts machen." Es gibt viel Monopoldenken in der Diakonie: "Wir haben das schon immer gemacht, das darf niemand anderes machen." Stattdessen halte ich es für eine Aufgabe der Diakonie, auch ganz anderen kleinen Initiativen zu helfen, ihre spezielle Arbeit zu beginnen, z. B. "Frauen helfen Frauen" oder "Wildwasser". Ihnen sollten die großen Kirchen und die großen diakonischen Einrichtungen Schützenhilfe und Unterstützung geben, auch finanzielle, dass sie ihre Arbeit beginnen können.

 

Jede verweigerte Zusammenarbeit geht zu Lasten der Hilfesuchenden. Und jede vertrauensvolle konstruktive Zusammenarbeit ist ein Gewinn für alle, für die Hilfesuchenden, für die Hilfsorganisationen und für die ganze Gesellschaft. Es ist die Angst vieler Christen, sie könnten in dieser Zusammenarbeit etwas von ihrem Profil verlieren. Aber wenn wir Diakonie betreiben im Geist Jesu und in seinem Namen, dann ist es gut, wenn wir die Worte Jesu auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen, zum Beispiel das Wort Jesu, jetzt auf diakonische Einrichtungen bezogen: "Wer sein Leben erhalten will, der wird´s verlieren, wer es aber hingibt um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird´s finden."