Proteste gegen den Tod

Referat von Dr. Rolf Hille

 

Herbsttagung am 8. Oktober 2005

 

1. Der Tod ist so vielfältig wie das Leben

 

Man kann sagen: "Sieh Neapel und stirb!": Ich habe eine Erfahrung, die so überragend, so beglückend, so die Welt überschreitend ist mit Sand und blauem Himmel und dem Meer und der Pracht dieser Welt, mit dem Marmor usw. "Sieh Neapel und stirb!", d.h, dein Leben ist dann zur Erfüllung gekommen, wenn du einmal die ganze Tiefe des Lebens erfasst hast und davon erfüllt bist. Das ist dann eigentlich genug des Lebens.

 

Mir steht folgende Situation vor Augen: In einer der Tübinger Uni-Kliniken begegnete ich einem älteren Mann mit schwer verbundenen Händen auf beiden Seiten, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hat und seinem Leben ein Ende setzen wollte. Einer, der ganz offensichtlich lebensmüde war.

 

Oder im Alten Testament die Beschreibungen der Patriarchen, die nach einem langen und auch von vielen Auseinandersetzungen bestimmten und mit vielen Nöten durchdrungenen Leben erfüllt und lebenssatt gestorben sind. "Er war alt und lebenssatt!", nicht lebensmüde, sondern lebenssatt.

 

Oder eine andere Situation des Todes: In Houston, in der amerikanischen Weltraumzentrale, wo sie auf den Bildschirm schauen. Plötzlich zerbricht die Challenger-Rakete wie ein Feuerwerk am Himmel. Und damit zerstieben in einem Augenblick all die großen, auch technischen Erfolge der modernen Gesellschaft. Der Tod als Einschnitt, als sinnlose Erfahrung, die einen tiefen Einschnitt im Selbstbewusstsein der modernen Welt darstellt.

 

Was ist der Tod?

 

Man kann den Tod auch ganz logisch formulieren: Jeder Mensch ist sterblich. Sokrates war ein Mensch, also war Sokrates sterblich. Diese Logik kennen wir alle. Wir wissen natürlich, dass wir sterblich sind und dass wir sterben müssen. Aber wie Tolstoi in seinem "Iwan Iljitsch" darstellt: Keiner glaubt an seinen Tod. Iwan weiß natürlich um diese Logik: Jeder Mensch ist sterblich. Ich bin ein Mensch, also bin auch ich sterblich. Es ist dieser Logik nicht zu widersprechen. Aber wer glaubt das im realen Sinne, dass er selber oder sie selber dem Tod preisgegeben ist?

 

Weil der Tod eine Grundfrage des Menschen ist, gibt es eine ganze Reihe von Wissenschaften, die speziell dieser Frage nachgehen: Was ist der Tod eigentlich?

 

Die Mediziner müssen dieses physische Phänomen des Sterbens und des Todes von Berufs wegen feststellen. Wann ist ein Mensch definitiv tot? Das ist juristisch eine gar nicht so ganz einfache Frage. Ist das die Definition über den Hirntod? Die alte Frage: Wann tritt der Tod ein? Ist es das Versagen des Herzens oder der Lunge? Wann ist der ganze Organismus so geschädigt, irreversibel geschädigt, dass der Tod eingetreten ist?

 

Die Psychologen sagen: Der Tod ist das uns Nächste, weil es ja unser eigener Tod ist und auch das Fremdeste, weil wir es eben nicht kennen und auch nicht einschätzen können. Die Psychologie beschäftigt sich mit dem ganzen Phänomen des Sterbens. Es gibt bei einem todkranken Menschen Sterbephasen mit einer Anti- und Trotzhaltung bis hin zu einer Ergebung in das Sterben. Nach dem Tod eines Menschen gibt es die Trauerphasen, die durchgemacht werden müssen. Da kann man psychologisch sehr viel dazu sagen, auch in der Krankenhausseelsorge. In der Begleitung von Trauernden ist es ein wichtiger Aspekt: Diese Phasen, angefangen vom ersten Schock bis hin zu einer Bewältigung der Erfahrung des Todes. Was macht da ein Mensch psychologisch durch?

 

Und schließlich die Soziologen: Der Tod ist der, der alle gleich macht. Im Tod sind wir mehr als in jeder Form des Sozialismus auf die gleiche Ebene gestellt. Es gab schon diese so genannten Totentänze, wo sich um den Sensenmann herum die ganze Gesellschaft bewegte: Papst, Kaiser, Fürsten, Bettler, Ritter. Alle waren durch die Tatsache, dass der Tod nach ihnen gegriffen hat, in eine gleiche Situation gestellt. Der Tod als Gleichmacher!

 

Es gibt in der modernen Gesellschaft das Problem, dass der Tod verdrängt wird. Das Sterben und der Tod werden in der Familie oftmals nicht mehr unmittelbar erlebt wie es in früheren Zeiten der Fall war. Es gibt ja in den Kliniken spezielle Sterbeabteilungen, in die man die Sterbenden bringt, oft mit aller Apparatemedizin. Aber der Tod ist tabuisiert. Man spricht in der Gesellschaft über die Realität des Todes nur ungern, wenn überhaupt. Wenn man zum Beispiel die Talkshows im Fernsehen anschaut: Die Sexualität ist enttabuisiert. Die intimsten Dinge, die früher selbstverständlich tabu waren, werden heute in aller Offenheit diskutiert und zum Teil auch zur Schau getragen. Aber den Tod spricht man nicht an. Das ist ein Bereich, der verdrängt wird.

 

Auf der anderen Seite haben wir in der modernen Gesellschaft den Tod als Massenphänomen. Sie erleben kaum irgendeine Nachrichtensendung, wo nicht von tausendfachem Tod von Menschen die Rede ist. Ob das ein Flugzeugunglück oder eine Naturkatastrophe war: Wir sind massenhaft Zeitzeugen des Todes bis hin, dass in der modernen Unterhaltungsindustrie der Tod, etwa in den Kriminalfilmen, eine große Rolle spielt. Der Tod als Unterhaltungsmoment, die Spannung, die darin liegt, dass jemand umgebracht wird oder wer ihn aus welchen Motiven heraus umgebracht hat. Im Krimi wird der Tod zu einer Art Gesellschaftsspiel.

 

Das sind bereits alles sehr unterschiedliche Aspekte, die sich diesem eigenartigen Tatbestand des Todes von medizinischer, juristischer, psychologischer, soziologischer Seite versuchen anzunähern. Weil der Tod ein Grundproblem und eine elementare Herausforderung an jedes Menschsein darstellt, geben auch die unterschiedlichsten Philosophien, Ideologien und Religionen ihre Antwort auf die Fragen des Todes. Ich habe diesen Vortrag überschrieben mit "Proteste gegen den Tod", weil Kernaussagen dieser unterschiedlichen Weltanschauungen wie in einem Demonstrationszug getragen werden als Protest gegen die harte Wirklichkeit des Todes. Man fragt, wie man den Tod bewältigen und wie man mit ihm umgehen kann. Ich möchte einige ganz typische Weltanschauungen mit ihren plakativen Aussagen beschreiben.

 

Da ist aus der Antike der Philosoph Epikur, der sinngemäß gesagt hat: "Das schlimmste aller Übel, der Tod, braucht dich nicht zu beunruhigen, denn wenn der Tod da ist, bist du nicht da. Und wenn du da bist, ist der Tod nicht da, also, ihr begegnet euch nie!" Ein sehr raffiniertes Statement, das Epikur hier trifft und das in der Folgezeit auch immer wieder aufgenommen worden ist von Menschen quer durch die Geschichte des Abendlandes. Wenn ich da bin, dann lebe ich ja im Sinne von Dasein und dann ist der Tod nicht da. Das ist richtig. Solange ich lebe, bin ich halt noch nicht tot. Und wenn der Tod da ist, so schließt Epikur weiter, dann bin ich nicht da. Also braucht mich der Tod nicht zu beunruhigen. Das ist natürlich eine Form der Negation, die ihre Raffinesse hat, aber auch ihre Trugschlüsse. Denn die Frage ist eben: Wenn der Mensch tot ist, heißt es dann, dass er nicht mehr da ist? Das ist natürlich genau die entscheidende Frage.

 

Unser Landsmann Ludwig Feuerbach hat gesagt: "Der Mensch ist, was er isst!" Also, der Mensch ist als biologisches Wesen ganz und gar von der Materie bestimmt. Das, was er aufnimmt an Nahrung, ist eigentlich auch das, was sein Körper und seine Existenz ausmacht, und darüber hinaus gibt es nichts. Und damit ist der Tod dann ganz schlicht und einfach das natürliche Ende des Lebens. Der Tod ist etwas Selbstverständliches wie das Essen, wie der Geschlechtsverkehr, wie die Geburt. Der Tod gehört zu den vitalen Ausdrucksformen menschlicher Existenz. Aber auch das kann uns wenig trösten, denn das ist die Philosophie einer Kuh. Die Kuh steht auf der Weide und käut wieder und schaut in die Landschaft mit ihren schönen Augen und denkt nicht über den Tod nach. Kennzeichnend für den Menschen ist aber, dass er ein Bewusstsein des Todes hat.

 

Martin Heidegger, der große deutsche Existenzphilosoph sagt: "Es gibt ein Vorlaufen in den Tod." Schon ein Kind, dessen Großvater stirbt und das unmittelbar in familiärem Zusammenhang von der Wucht des Todes getroffen wird, fragt nach der Bedeutung des Todes und muss irgendwie damit fertig werden. Es läuft, obwohl es doch ein Kind ist und im Normalfall noch ein langes Leben vor sich hat, in den Tod voraus, indem es sich gedanklich und seelisch mit dieser Tatsache des Todes auseinanderzusetzen hat. Ein Hochzeitspaar wird gefragt, ob es treu sein wird "bis dass der Tod euch scheidet". Dann ist in dem Augenblick des Glücks das Wissen um den Tod präsent. Und weil wir so in den Tod vorlaufen, kann es uns nicht beruhigen, wenn wir sagen: "Das ist ein natürliches Ende", weil das nicht die Antwort auf unsere Frage ist.

 

Ein ganz anderes Plakat, das dem Tod entgegengehalten wird, ist in vielen Kulturen, zum Beispiel im Islam, aber auch bei indianischen Stammesreligionen das Verständnis des Todes als Prolongation des Lebens und Intensivierung des Lebens. Es wird gar keine scharfe Linie zwischen dem Leben und dem Tod gezogen, sondern da ist ein mehr oder weniger fließender Übergang, da mit dem Tod das bisherige Leben fortgesetzt und intensiviert wird. Bei den Indianern gibt es die ewigen Jagdgründe, ein Fortleben in der Prärie unter etwas anderen Bedingungen. Im Islam ist dieses Konzept vielleicht am stärksten ausgeprägt als Paradieseshoffnung. Das Glück der von Allah Begnadeten und Seligen im Paradies ist ein sehr irdisches Glück. Der Moslem, das wird auch im Koran in vielen Suren breit beschrieben, erlebt das Paradies als eine wunderbare Oase mit schattigen Dattelpalmen, unter denen man auf weichen Kissen sitzt, wo einem wie im Schlaraffenland die Datteln in den Mund fallen und wo man herrliches, frisches Wasser hat und dann auch alle Gläubigen (das ist ja nun sehr stark von den Phantasien von Männern geprägt) eine große Schar von Paradiesesjungfrauen haben. Da merkt man, dass die intensivsten irdischen Wünsche einfach aufs Paradies übertragen werden.

 

Der so genannte Idealismus hält dem Tod ein ganz anderes Plakat entgegen. Unser Landsmann Hölderlin sagt: "Im herrlichsten der Stürme falle dieses Kerkers Wand und herrlicher und freier walle der Geist ins unbekannte Land."

 

Da wird angesprochen, dass wir als Geistwesen in Freiheit über die irdischen, leiblichen Bedingungen triumphieren. Der Körper, diese irdische Mauer, zerfällt. Mein Geist steht darüber. Er triumphiert darüber und schaut ins freie Land.

 

In der Philosophie des Idealismus wird der Tod als die Befreiung aus den Bindungen und aus dem Kerker des Leibes erfahren. Der bedeutendste idealistische Philosoph war Platon. Er schildert den Tod des Sokrates. Als Sokrates den Giftbecher bereits in der Hand hat, sagt er zu seinen verängstigten und bekümmerten Schülern, die um ihn stehen: "Lasst uns nicht vergessen, dem Asklepios einen Hahn zu opfern". Asklepios ist in der griechischen Mythologie der Gott der Gesundheit. Wenn angesichts des Todes Sokrates zu seinen Schülern sagt, sie sollten dem Gott der Gesundheit einen Hahn opfern, also eine Opfergabe, eine Dankesgabe darbringen, heißt das: Indem ich sterbe, wird endlich meine unsterbliche Seele befreit zu einem Leben, das ich haben sollte ohne die Einschränkung der menschlichen Körperlichkeit.

 

Die Materie, der Leib ist das schlechte Stück, das im Tod überwunden und abgestoßen wird. Das ist in der Antike und im deutschen Idealismus im Grunde die gleiche Philosophie, ein Triumph durch den Tod, der als Freund und Befreier gesehen wird. Dabei ist natürlich die Frage, ob diese Idealisierung des Todes angesichts der Tatsache, dass wir auch durch und durch leibliche Wesen sind, bestehen kann?

 

Man kann von beiden Seiten vom Pferd fallen, wie Feuerbach oder Epikur sagen, dass wir nur Materie sind und dabei die Seele und Geist vernachlässigen. Oder man kann sagen, es ist eigentlich alles nur der Geist, auf den es ankommt und der Leib spiele bei dem Ganzen gar keine Rolle. Weil ich aber zutiefst ein psychosomatisches Wesen und mit meiner Leiblichkeit in meiner Existenz verflochten bin, kann ich meine Leiblichkeit nicht einfach leugnen.

 

Ein weiteres und heute großes und sehr beliebtes und attraktives Plakat ist der Gedanke der Reinkarnation, der Wiederverkörperung. Das ist eigentlich ein Religionsinhalt, der im Hinduismus und Buddhismus beheimatet ist, in den asiatischen Hochreligionen. Interessant ist, dass in unserer modernen Gesellschaft diese Vorstellung offensichtlich als sehr attraktiv gilt. Leute, die keine Verwurzelung mehr haben, greifen ja heute wie im Supermarkt in die Regale und bedienen sich je nach Geschmack bei jeder Religion. Sie stellen sich ihre eigene Weltanschauung zusammen, und laut statistischen Angaben glauben heute hierzulande mehr Leute an ihre Reinkarnation als an die Auferstehung.

 

Warum ist das so attraktiv für den westlichen Menschen?

Der westliche Mensch hat einen ungestillten Lebenshunger. Eine Reinkarnation, eine Wiederverkörperung bedeutet aus dieser Sicht eine Intensivierung und Steigerung seiner Lebensentwürfe. Ich kann also sagen, wenn ich sowieso vielleicht hundert Mal geboren werde und die Chance habe, mein Leben zu verwirklichen, dann werde ich einmal ein einflussreicher Politiker, das nächste Mal werde ich ein Topstar oder ein Model, und dann werde ich ein einfacher Bergbauer und lebe als grüner Eremit irgendwo in einer beschaulichen Welt. Es gibt dann so viele Möglichkeiten, das Leben zu verwirklichen, und jede Reinkarnation bietet mir neu die Chance, mein Leben frei zu gestalten. Das ist die illusionäre Vorstellung, die der westliche Mensch von der Reinkarnation hat, denn de facto ist es ja so, dass im Hinduismus/Buddhismus, in dem diese Vorstellung verwurzelt ist, das Rad der Wiedergeburten, das sich endlos dreht, der eigentliche Fluch ist, der über der Menschheit liegt. Ich muss immer wieder neu antreten, diesen Kreislauf von Geburt, Erwachsenwerden, von langsamem körperlichem Verfall bis hin zum Tod neu durchmachen mit allen Bedrängnissen und Belastungen, die dieses Leben mit sich bringt. Die Erlösung im buddhistischen Sinne ist eben gerade, dass ich aus dem Kreislauf der Wiedergeburten herauskomme. Und erst im Nirwana, dem vorgestellten "Nichts", kommt das Rad der Wiedergeburten zum Stillstand. Dann bin ich erlöst. Der westliche Mensch greift sozusagen in das Regal einer ostasiatischen Religion, holt sich etwas heraus, was ihm vom Etikett her sehr schön erscheint und hat die Illusion, damit mit dem Problem des Todes leichter fertig zu werden, und merkt gar nicht, dass er sich damit den Fluch einkauft. Nach der tiefen Überzeugung des Hinduismus und Buddhismus ist die Reinkarnation der Fluch, der über den Menschen liegt.

 

In der Frage der Bewältigungen des Todes möchte ich noch einen letzten Aspekt, ein weiteres Plakat benennen, und das ist die Ideologie des Spiritismus. Wir Lebenden nähern uns dem Tod an, aber was der Tod ist, lässt sich nicht sagen. Der Tod wird auch als eine metaphysische Wirklichkeit beschrieben. Ich kann den Tod als Prozess des Sterbens beschreiben. Aber einer, der stirbt, lebt noch. Solange einer im Zustand des Sterbens ist, lebt er noch, gehört also noch auf unsere innerweltliche, irdische Seite. Mit dem Tod tritt eine neue Situation ein, selbst wenn ich dann einen Leichnam vor mir habe. Die Wirklichkeit des Todes ist noch einmal etwas anderes, ist etwas Metaphysisches, das über das Physische hinausgeht. Und in diesem Sinne gibt es jetzt natürlich die große Versuchung: Wenn wir Irdischen schon nichts Authentisches über den Tod sagen können, weil wir dazu keinen Zugang und keine Erfahrung haben, sollte man eben die befragen, die schon in der jenseitigen Welt des Todes sind. Das ist die Attraktion des Spiritismus. Sie wollen sozusagen von den Experten des Todes, nämlich denen, die verstorben sind, eine Wahrheit über die Realität des Todes erfahren. Was diese Grenzüberschreitung betrifft, ist die Bibel sehr scharf und deutlich. Sie weist das als einen Trug des Okkulten, des Dämonischen zurück. Der Tod ist eine absolute Grenze, von Gott her gesetzt, die der Mensch aus seiner Macht nicht überschreiten kann. Alle Versuche, das im Spiritismus zu tun, führen uns in den Bereich dessen hinein, der nach dem Hebräerbrief die Macht über den Tod hat. Wem ist die Macht des Todes gegeben? Dem Teufel. Der Satan ist der, der zunächst mal ein Bestimmungsrecht im Tod hat, der als Richter des Menschen zum Tode hin wirksam wird.

 

Jetzt, nachdem wir so unterschiedliche Zugänge und unterschiedliche Plakatierungen, wie Menschen sich gegen die Wirklichkeit des Todes auflehnen, betrachtet haben, möchte ich in einem zweiten Teil fragen, wie das vom christlichen Glauben her gesehen wird.

 

2.

 

Es gibt eine sehr seltsame, befremdliche Auskunft über den Tod, die stammt von Paulus (1. Korinther 11, Vers 26) und steht im Zusammenhang mit dem Abendmahl: "Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von diesem Kelch des Herrn trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt."

 

Das ist ein sehr eigenartiger und eigentlich irrsinnig erscheinender Satz, weil wir im Blick auf einen Menschen eigentlich nur über dessen Leben etwas sagen können. Wir können sagen: Das war ein bedeutender Politiker, der hat das Weltgeschehen beeinflusst. Das war ein berühmter Maler, dessen Gemälde wir heute noch gerne im Museum anschauen. Das war ein Entdeckter, der neue Kontinente erschlossen hat. Das war ein bedeutender Musiker, dessen Kompositionen wir heute noch hören. Man kann über große Menschen eine Legende erzählen und sie in ihrem Nachruf besingen, weil sie für die Menschheit etwas geleistet haben. Das kann man verkündigen, wenn man so will. In diesem Sinne kann man auch verkündigen, dass Jesus von Nazareth ein großartiger Mensch war. Aber das ist etwas anderes, als den Tod des Herrn zu verkündigen. Man kann ja noch weitergehen und sagen, man könnte auch das Sterben eines Menschen positiv würdigen. Ich habe Sokrates eben erwähnt, der mit einer großen Heiterkeit und Gelassenheit gestorben ist. Er gilt durch die ganze Geschichte als Vorbild eines heldenhaft sterbenden Menschen. Diese Legende über das Sterben eines Menschen kann man auch erzählen und verkündigen. Aber den Tod als metaphysische Größe verkündigen ist eigentlich absolut widersinnig. Weil ich über den Tod eines Menschen nichts sagen kann.

 

Warum ist das so seltsam formuliert bei Paulus? Das hängt zunächst mit der Tatsache des lebendigen Gottes zusammen. Es gibt im Alten Testament zwei Bereiche, mit denen Gott als Person nichts zu tun hat: Das Eine ist die Sünde, welcher Gott radikal gegenübersteht als der Heilige, der Gerechte, der Liebende. Gott hat mit der Sünde nichts zu tun. Und das Andere ist der Tod. Gott hat mit dem Tod nichts zu tun. Gott ist der Schöpfer des Lebens. Gott liebt das Leben. Gott erhält und bewahrt Leben immer wieder neu. Wer in seiner Sphäre ist, der ist in der Sphäre des Lebens. Der Tod wird von daher als Feind betrachtet.

 

Wenn Sie die Psalmen lesen, dann merken Sie, dass die Menschen im alten Israel sehr schwer gestorben sind. Warum? Weil sie sagten: Im Tod habe ich mit Gott nichts mehr zu tun, habe ich keinen Anteil mehr am Gottesdienst, am Gotteslob, bin eigentlich getrennt von Gott. Wenn Gott schlechthin das Leben ist, dann ist der Tod die Trennung von Gott. Deshalb ist man in Israel sehr schwer gestorben. Wir sehen es auch am jüdischen Ritualgesetz. Wenn der Priester eine Leiche berührt, wird er rituell unrein und darf den Gottesdienst und das Opfer nicht vollziehen. Es muss erst ein Reinigungsritual stattfinden. Erst nach einer gewissen Zeit kann er wieder Gottesdienst halten. Warum hat Israel im Gegensatz zum alten Ägypten keinen Totenkult?

 

Die alte ägyptische Religion mit den Pyramiden war ein Totenkult und Israel ist davon total geschieden. Auf Befehl Gottes gibt es eben keine Form von Totenkult. Im Gegenteil. Der Tod verunreinigt, weil er mit einer Wirklichkeit in Verbindung bringt, mit der Gott nichts zu tun hat. Der Bereich des Todes ist auch der Bereich der Gottesfinsternis und der Gottesferne. Wo der Mensch dem Tod begegnet, ist es für den Menschen tödlich. Das ist wie bei einem amerikanischen Gefängnis für zum Tode Verurteilte, die auf die Hinrichtung warten. Die Zellen sind architektonisch so angelegt, dass es nur eine Tür in die Mitte gibt. Dort ist die Hinrichtungszelle, wo durch eine Injektion oder den elektrischen Stuhl das Todesurteil vollstreckt wird. Das ist die menschliche Grundsituation: Wir haben einen Ausgang aus dem Leben, nämlich den Ausgang in den Tod. Und jetzt finden wir im Zentrum des Neuen Testaments die Botschaft, dass der heilige, Leben schaffende Gott in der Person seines Sohnes Jesus Christus mit der Sünde und dem Tod nicht nur eine Begegnung hat, sondern geradezu damit identifiziert wird.

 

Gott wird mit der Sünde identifiziert, indem Gott alle Sünde auf den Christus legt. Er ist für uns zur Sünde gemacht. Der heilige Gott, der gar nichts mit der Sünde zu tun hat, legt nun alle Schuld und Last auf diesen Gekreuzigten und identifiziert sich mit der menschlichen Sünde.

 

Und in der Person Jesu begegnen sich Gott und Tod. Gott identifiziert sich mit dem Tod. Es gibt ein Passionslied, in dem es heißt: "Gott selbst liegt tot". Es ist der Sohn Gottes, der hier in den Tod gegeben wird. Der Sohn Gottes, der ganz und gar eins ist mit dem Wesen des Vaters. Hier trennt sich Gott von Gott, indem Gott seinen Sohn für uns zur Sünde macht und er sich selber in den Tod gibt. Und diese Tatsache macht den Tod zu etwas total Anderem. Plötzlich ist das Gefängnis aufgesprengt. Die Begegnung zwischen Gott und dem Tod ist für den Tod tödlich. Die Begegnung zwischen dem Tod und dem Menschen ist für den Menschen tödlich. Aber die Begegnung zwischen dem Tod und Gott ist für den Tod tödlich. Der Tod wird jetzt überwunden und die Todeszelle wird aufgesprengt in die andere Richtung. Wir können in der Nachfolge, in der Gemeinschaft mit Christus todfrei sein. Das ist eine Tatsache.

 

Die in den besprochenen Plakaten dargestellten verschiedenen Ideologien sind ja immer Wunschvorstellungen gewesen: Wie kann ich mit dem Tod irgendwie fertig werden, damit ich getröstet bin? Das sind im Grunde alles Hoffnungen und Vermutungen. Was dagegen in der Auferstehung Jesu Christi von Gott gegenübergestellt wird, ist eine Tatsache.

 

Das ist nicht nur eine Spekulation, eine Illusion, eine Vermutung. Der harten Faktizität des Todes wird ein anderes Faktum entgegengestellt, nämlich dass der Tod durch den Tod Jesu Christi besiegt und überwunden ist, dass das Grab leer ist, dass er gesehen wird von Augenzeugen, die bis ins Martyrium hinein diese Tatsache bezeugen und dass jetzt in der Berührung mit dem Christus das Heil da ist.

 

Dies ist nicht nur ein Protest, sondern es ist die Gegenwart des Heils Gottes. Und das ist die ganz andere Botschaft des Neuen Testaments angesichts der Wirklichkeit des Todes. Ich halte nochmals fest: Es ist nicht nur ein Protest gegen den Tod, der an Ostern ausgesprochen wird, sondern dem Faktum des Todes wird ein anderes, stärkeres Faktum, nämlich Gott selber entgegengestellt und wir können an dieser Tatsache teilhaben.

 

Welche praktischen und seelsorgerlichen Konsequenzen lassen sich daraus ableiten?

 

Zunächst steht die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele im Raum. Diese Vorstellung ist eigentlich eine, die aus der griechischen Philosophie kommt. Sie besagt soviel: Es gibt im Menschen einen Bereich, der prinzipiell nicht sterblich ist, sondern der dem Tod von vornherein überlegen ist. Das ist in dieser Form aber keine christliche Überzeugung, weil es bei Paulus in 1. Timotheus 6 heißt: "Gott, der allein Unsterblichkeit hat." Gott allein hat Unsterblichkeit! Worin besteht dann die unsterbliche Seele, wenn das Neue Testament davon spricht? Sie besteht darin, dass Gott mit dem Menschen anfängt zu reden. Luther sagt das einmal sehr schön in seiner Auslegung zum 1. Mosebuch: "Mit wem Gott angefangen hat zu reden, mit dem wird er auch das Gespräch in Ewigkeit fortführen." Es ist sozusagen die Initiative Gottes, die in unserem Leben anknüpft. Gott spricht uns an und an diesem Gespräch haben wir Anteil.

 

Bekannt ist ja der Grabstein von Sören Kirkegaard. Darauf steht die Strophe eines dänischen Kirchenliedes, die übersetzt so lautet: "Noch eine kleine Zeit, dann ist’s gewonnen, dann ist der ganze Streit in nichts zerronnen, dann darf ich laben mich an Lebensbächen und ewiglich mit Jesus sprechen." Das ist genau die christliche Hoffnung der Unsterblichkeit, die nicht auf einer Qualität des sterblichen Menschen beruht, sondern die auf der Rede Gottes beruht. Christus hat uns in unserem Leben angesprochen, so dass der Streit in nichts zerrinnt und wir uns an Lebensbächen laben, in dem Sinne, dass wir mit Jesus ewige Gemeinschaft haben.

 

Nun zu der Frage, was unmittelbar nach dem Tod geschieht.

Im Neuen Testament ist es so, dass wir hinein genommen werden in die Welt Gottes. Jesus sagt zu dem Schächer am Kreuz: "Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein." Dieses Gespräch mit Gott geht also nach dem Sterben unmittelbar weiter. Die Apostelgeschichte berichtet von Stephanus, der plötzlich den Himmel offen sieht und bekennen kann: "Ich sehe den Himmel offen und Christus zur rechten Gottes stehen - und ich hab an dieser neuen anderen Wirklichkeit Anteil."

 

Paulus wird entrückt ins dritte Paradies und hört unbeschreibliche und unaussprechliche Dinge. Das sind Beispiele für Menschen, die mit Gott das Gespräch gesucht haben, die im Gebet leben und die an dieser ewigen Gemeinschaft Anteil haben.

 

Abschließend eine dritte Frage.

Wir hatten die Frage nach der Unsterblichkeit, wir hatten die Frage, was geschieht im Zusammenhang mit dem Eintritt des Todes. Jetzt stellt sich auch noch die ganz praktische Frage nach der Sterbebegleitung und der Kunst des Sterbens.

 

Wer nicht Sterben gelernt hat, kann auch nicht leben.

 

Für die christliche Gemeinde war die art moriendi, die Kunst des Sterbens immer eine wichtige Frage. Dazu ein paar ganz knappe Hinweise: Wie kann ich mich sozusagen einstimmen auf die Tatsache, dass ich sterblich bin? Indem ich Dinge weggebe, die ein Stück meines Lebens ausgemacht haben. Indem ich mich von etwas trenne, weil ich weiß, dass der Tod mich von allen meinen Gütern trennt. So ist die Kunst des Sterbens schon zu Lebzeiten eine Art Exerzitium. Ich gebe etwas weg von dem, was mir etwas bedeutet. Das können materielle Güter sein oder sonst etwas, an dem mein Herz hängt. Das kann auch ein Weggeben an Prestige und Einfluss sein als eine Einübung in diese Form des Sterbens, die im Leben eingeübt wird.

 

Das sieht man an Johannes, dem Täufer, der sagt: "Er muss wachsen, ich muss abnehmen." Das ist eine Art von Einübung ins Sterben bis hin zu der ganz persönlichen Beziehung zu Christus im Gebet. Wenn ich im Gespräch mit ihm stehe und dann im Augenblick meines Todes in Begleitung von Anderen, die mit mir einen Psalm beten oder einen Choral, in diesem Gespräch mit Gott von diesseits der Todeslinie auf die Jenseitige hinüberkomme. Das ist sehr schön formuliert in dem Passionslied von Paul Gerhardt "O Haupt voll Blut und Wunden", wo es heißt:

 

"Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir,

wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür,

wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein,

so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein."

 

Aus der tiefen persönlichen Beziehung, aus der Gemeinschaft mit Christus über diese Grenze gehen zu können, das ist die eigentlich evangelische, vom Evangelium bestimmte Sterbehilfe.